Wer heute Coaching als Dienstleistung einkauft oder ein Einzelcoaching bucht, steht vor einem ziemlich unregulierten Markt. Keine Zulassungsbehörde, kein geschützter Berufsstand, kein verbindlicher Qualitätsstandard. Jede:r darf sich Coach nennen – nach einem Wochenendseminar genauso wie nach einer mehrjährigen Ausbildung.
Das beschäftigt mich seit 15 Jahren. Als systemische Coach, die täglich mit Führungskräften und Organisationen arbeitet. Als Ausbilderin, die angehende Coaches begleitet und weiß, was es braucht, um diesen Beruf verantwortungsvoll auszuüben. Und als Autorin – gemeinsam mit meiner Kollegin Astrid Kellenbenz habe ich ein Buch geschrieben, das sich genau mit dieser Frage auseinandersetzt: Was ist professionelles Coaching – und was nicht? „Coaching? Ja, aber richtig!“ ist im März 2026 bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen, weil wir der Meinung sind, dass diese Frage eine ehrliche Antwort verdient.
Dieser Artikel ist der Versuch einer solchen Antwort – für alle, die Coaching beauftragen, buchen oder empfehlen.
Das Problem mit der Zertifizierung
Die naheliegende Antwort auf die Frage nach Qualität lautet: Zertifizierung. Schauen Sie, ob die Person eine anerkannte Ausbildung hat, zertifiziert ist, einem Verband angehört.
Das ist kein schlechter Startpunkt. Aber es ist auch keine Garantie.
Erstens gibt es sehr unterschiedliche Ausbildungen – von soliden Programmen bis zu Wochenendseminaren, die eine Urkunde produzieren, aber wenig dahinter haben. Als Ausbilderin erlebe ich beides: Menschen, die Coaching als ernsthaftes Handwerk begreifen und bereit sind, intensiv an sich zu arbeiten. Und Angebote am Markt, die genau das nicht einfordern.
Zweitens sagt eine Zertifizierung wenig über das aus, was im Coaching wirklich zählt: Haltung, Reflexionsfähigkeit, die Fähigkeit, mit Menschen in komplexen Situationen zu arbeiten, ohne die eigene Agenda einzuschmuggeln.
Ein Zertifikat sagt: Diese Person hat eine Ausbildung abgeschlossen. Es sagt nicht: Diese Person ist gut darin, Menschen wirklich weiterzubringen.
Ich bin selbst zertifiziert und Mitglied in einem Verband – nicht weil mir das Papier so viel bedeutet, sondern weil mir professionelle Standards wichtig sind. Aber ich wäre die Letzte, die behauptet, das Zertifikat allein sage irgendetwas Entscheidendes aus.
Was wirklich zählt – und wie Sie es erkennen
Gutes Coaching erkennt man weniger am Lebenslauf als an dem, was in der Begegnung passiert. Das klingt schwer messbar – und das ist es auch. Aber es gibt Signale, auf die Sie achten können.
Die Coach stellt Fragen, die Sie ins Denken bringen – nicht in die Defensive.
Coaching arbeitet mit Fragen. Aber es macht einen erheblichen Unterschied, ob diese Fragen Raum öffnen oder Druck erzeugen. Eine gute Frage lässt Sie innehalten. Eine schlechte lässt Sie das Gefühl haben, dass die Antwort bereits feststeht. In unserer Ausbildung ist das eines der ersten Dinge, die wir vermitteln – und eines der schwierigsten zu lernen.
Die Coach hält Unklarheit aus – ohne sie vorschnell aufzulösen.
Viele Menschen, die sich Coach nennen, sind im Kern Berater:innen. Sie mögen Lösungen. Sie tendieren dazu, schnell zu einer Antwort zu kommen, weil das befriedigend ist – für sie. Gute Coaches halten es aus, wenn etwas noch nicht klar ist. Sie wissen, dass Klarheit sich entwickelt, und dass voreilige Antworten diesen Prozess abwürgen. Das ist eine Haltungsfrage – keine Methodenfrage.
Die Coach hat eine erkennbare Haltung – und keine Agenda.
Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber keiner. Haltung meint: Diese Person hat ein klares Bild davon, was Coaching ist und was nicht. Sie weiß, wo die Grenze zur Therapie liegt. Sie macht keine Versprechen, die Coaching nicht halten kann. Keine Agenda meint: Diese Person hat kein Interesse daran, dass Sie zu einem bestimmten Ergebnis kommen. Sie arbeitet für Sie – nicht für das Bild, das sie von Ihnen hat. In 15 Jahren Praxis und Ausbildungsarbeit ist mir klar geworden: Wer diese Unterscheidung nicht trifft, sollte nicht coachen.
Die Coach redet nicht ständig über sich.
Das ist ernster gemeint als es klingt. Es gibt Coaches, die eigene Erfahrungen und Erkenntnisse in den Vordergrund stellen – als Legitimation, als Anschauungsmaterial, als Gesprächsstoff. Gelegentlich kann das sinnvoll sein. Wenn es zum Muster wird, sagt es mehr über das Ego der Coach als über den Nutzen für Sie.
Die unbequeme Frage: Was bringen Sie selbst mit?
Hier wird es etwas ungemütlicher. Denn die Frage nach der Qualität einer Coach ist nur die halbe Gleichung.
Die andere Hälfte sind Sie.
Coaching ist keine Dienstleistung, die an Ihnen vollzogen wird. Es ist ein Prozess, an dem Sie aktiv beteiligt sind. Die beste Coach der Welt kann wenig ausrichten, wenn jemand innerlich auf Abstand bleibt – aus Skepsis, weil das Unternehmen es so wollte, oder weil die Erwartung war, jemanden zu treffen, der einem sagt, was man tun soll.
Ich erlebe das immer wieder: Menschen kommen ins Erstgespräch und merken erst dort, dass sie eigentlich keine:n Coach suchen – sondern jemanden, der ihrem Chef erklärt, dass er falsch liegt. Das ist verständlich. Aber das ist kein Coaching. Und eine ehrliche Coach wird das ansprechen.
Was Sie mitbringen sollten, wenn Coaching wirken soll:
Ein echtes Anliegen – nicht das, das sich gut anhört, sondern das, das wirklich drückt.
Die Bereitschaft, auch die eigene Rolle in einer Situation anzuschauen – nicht nur die der anderen.
Und genug Vertrauen in den Prozess, um sich auf Fragen einzulassen, deren Antwort man noch nicht kennt.
Das ist keine hohe Hürde. Es ist die Grundlage.
Was das Erstgespräch Ihnen sagen kann
Das Erstgespräch ist in vielen Bereichen ein Verkaufsgespräch. Im Coaching sollte es das nicht sein – und wenn es sich so anfühlt, ist das bereits eine Information.
Was ein gutes Erstgespräch leistet: Es klärt, ob das Anliegen für Coaching geeignet ist. Es gibt Ihnen ein Gefühl für die Arbeitsweise. Und es ermöglicht beiden Seiten zu beurteilen, ob die Zusammenarbeit sinnvoll ist.
Eine Coach, die im Erstgespräch bereits Lösungen anbietet, sollte Sie stutzig machen. Eine Coach, die Ihnen sofort sagt, wie lange der Prozess dauern wird und wie viele Sitzungen Sie brauchen – ohne Ihr Anliegen wirklich zu kennen – arbeitet nach Schema. Das kann funktionieren. Es ist aber kein gutes Zeichen.
Was Sie im Erstgespräch fragen können:
Wie gehen Sie vor, wenn Sie merken, dass ein Anliegen sich im Prozess verändert?
Wo sehen Sie die Grenze zwischen Coaching und Beratung – und wie gehen Sie damit um?
Was tun Sie, wenn Sie das Gefühl haben, dass Coaching für eine Situation nicht das Richtige ist?
Keine dieser Fragen hat eine einzig richtige Antwort. Aber die Art, wie jemand antwortet, sagt mehr als das Zertifikat an der Wand.
Die eigentliche Qualitätsfrage
Gutes Coaching ist schwerer zu erkennen als schlechtes – weil schlechtes Coaching oft sehr überzeugend auftritt. Es ist laut, es gibt Antworten, es produziert gute Gefühle. Für eine Weile.
Gutes Coaching ist leiser. Es stellt Fragen, die unbequem sein können. Es lässt Raum für Unklarheit. Es macht Sie nicht abhängig von der Coach – sondern zunehmend unabhängiger.
Das ist der Maßstab, an dem wir unsere Ausbildungsteilnehmer:innen messen. Nicht daran, wie viele Methoden sie beherrschen. Sondern daran, ob sie in der Lage sind, sich selbst aus dem Prozess herauszuhalten – und trotzdem präsent zu sein.
Eine gute Coach macht sich selbst überflüssig. Nicht sofort. Aber als Richtung.
Wer nach einem guten Coaching-Prozess das Gefühl hat, die Coach ständig zu brauchen, hat vielleicht eine gute Beziehung aufgebaut. Aber keinen guten Coaching-Prozess erlebt.
Das ist unbequem für einen Markt, der von Folgeaufträgen lebt. Es ist aber der Kern dessen, was professionelles Coaching ausmacht.
Weiterführende Hinweise
Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie ich arbeite und was mein Verständnis von professionellem Coaching ist, lesen Sie hier weiter.
Susanne Henkel