Was ist systemisches Coaching? – Und was es von Beratung, Therapie und Mentoring unterscheidet

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Systemisches Coaching ist nicht Therapie, nicht Beratung und kein motivierendes Gespräch. Was es wirklich ist – und warum der Unterschied für Führungskräfte und Unternehmen erheblich ist.

Neulich saß mir jemand gegenüber, der schon drei verschiedene „Coaches“ gehabt hatte. Einen, der vor allem viel erklärt hat. Einen, der Hausaufgaben verteilt hat. Und einen, der nach eigener Aussage „einfach sehr gut zuhören“ konnte. Keiner der drei hatte ihn auch nur in die Nähe einer Lösung gebracht, die er sich so dringend erhofft hatte.

Das ist kein Einzelfall. Der Coaching-Begriff ist so weit gedehnt worden, dass er kaum noch etwas bedeutet. Life-Coach, Business-Coach, Mindset-Coach – wer sich so nennen möchte, kann das tun. Es gibt keine geschützte Berufsbezeichnung, keine gesetzlich vorgeschriebene Ausbildung, keine Mindeststandards. Das ist einerseits ein Marktproblem. Andererseits ist es eine Einladung, genauer hinzuschauen.

Denn systemisches Coaching ist etwas sehr Spezifisches. Und wenn ich in diesem Text beschreibe, was das bedeutet, dann nicht, um den Begriff zu verteidigen. Sondern weil ich glaube, dass Sie – als Führungskraft, als HR-Verantwortliche, als Mensch in einer anspruchsvollen Rolle – verdienen zu wissen, womit Sie es zu tun haben, bevor Sie jemanden beauftragen.

Das Missverständnis, das sich hartnäckig hält

Die meisten Menschen, die zum ersten Mal über Coaching nachdenken, haben eine ungefähre Vorstellung: ein kluges Gespräch, vielleicht etwas strukturierter als mit einer guten Freundin, vielleicht etwas offener als mit dem oder der Vorgesetzten. Jemand hört zu, stellt Fragen, gibt Impulse.

Das ist nicht falsch. Aber es greift zu kurz.

Was systemisches Coaching von einem guten Gespräch unterscheidet, ist nicht die Technik. Es ist die Haltung dahinter – und die Frage, die sie trägt: Wer ist hier eigentlich der Experte oder die Expertin?

In der Beratung bringt die beratende Person Fachwissen ein. Sie analysiert, empfiehlt, gibt Orientierung. Das ist wertvoll – aber es verlagert die Verantwortung. Die Lösung kommt von außen.

Im Mentoring teilt jemand mit mehr Erfahrung, was in ähnlichen Situationen geholfen hat. Auch das hat seinen Platz. Aber es setzt voraus, dass Ihre Situation der des Mentors oder der Mentorin ähnelt. Was in komplexen Führungskontexten oft nicht passt.

In der Therapie geht es um Heilung. Um die Bearbeitung psychischer Erkrankungen oder tiefer Verletzungen. Coaching ist keine Therapie und ersetzt sie nicht. Wer das vermischt, macht beiden einen schlechten Dienst.

Systemisches Coaching setzt an einem anderen Punkt an. Es geht davon aus, dass Sie die Expertin oder der Experte für Ihre eigene Situation sind. Nicht ich. Meine Aufgabe ist nicht, Ihnen zu sagen, was zu tun ist. Meine Aufgabe ist, Fragen zu stellen, die Sie zu Einsichten führen, auf die Sie bislang noch nicht zugreifen konnten.

Warum „systemisch“ mehr ist als ein Adjektiv

Das Wort „systemisch“ wird heute manchmal so verwendet, als wäre es eine Qualitätsmarke. Das ärgert mich. Denn es steckt ein echter Gedanke dahinter – einer, der alles verändert, wenn man ihn einmal verstanden hat.

Systemisches Denken bedeutet: Niemand handelt im Vakuum.

Wenn eine Führungskraft immer wieder in denselben Konflikten landet, liegt das selten nur an ihr. Es liegt an den Rollen, Erwartungen, Beziehungen und unausgesprochenen Regeln des Systems, in dem sie sich bewegt. Das Team, die Organisation, die Geschichte des Unternehmens – all das ist immer mit im Raum, auch wenn nur eine Person auf der anderen Seite des Tisches sitzt.

Stellen Sie sich ein Mobile vor – eines, das sich permanent bewegt. Kein Element steht still, keines bewegt sich allein. Dreht sich eines, reagieren alle anderen. Die reagieren wiederum auf die Reaktion. Und so weiter, ohne Anfang, ohne Ende, ohne ein Element, das man herausgreifen und als Ursache benennen könnte.

Genau das macht soziale Systeme so schwer greifbar. Wenn in einem Team etwas nicht stimmt, suchen wir instinktiv nach dem einen Element, das das Problem ist. Dem einen Menschen, der sich falsch verhält. Der einen Entscheidung, die alles ausgelöst hat. Aber die gibt es meistens nicht. Was es gibt: Abhängigkeiten und Verhaltensmuster, die sich gegenseitig bedingen und verstärken. Menschen, die auf Menschen reagieren, die auf Menschen reagieren – und niemand, dem man die Schuld geben könnte, ohne die eigene Rolle darin zu übersehen.

Systemisch arbeiten bedeutet nicht zu fragen: „Wer ist das Problem?“ Sondern: „Was hält dieses Muster am Laufen?“

Das ist keine Technik. Das ist eine Denkweise.

Was in einer Coaching-Sitzung wirklich passiert

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen nach einer ersten Sitzung etwas überrascht sind. Nicht weil etwas Dramatisches passiert wäre. Sondern weil sich etwas verschoben hat – eine Situation, die vorher festgefahren wirkte, plötzlich mehr Spielraum hat. Nicht weil ich eine Lösung geliefert hätte. Sondern weil die richtige Frage oft mehr bewegt als die beste Antwort.

Ich erinnere mich an eine Führungskraft, die mit einem festgefahrenen Teamkonflikt zu mir kam. Nach der Sitzung war der Konflikt natürlich noch nicht gelöst – das Team saß ja nicht mit im Raum. Aber die Perspektive auf die Situation hatte sich verschoben. Aus einer Lage, die sich ausweglos angefühlt hatte, wurde ein konkreter Plan für das nächste Gespräch mit dem Team. Raus aus der Stagnation, zurück in die Handlungsfähigkeit.

Was am Ende einer guten Sitzung steht, ist oft eine neue hilfreichere Perspektive und mehr Klarheit – über die Situation, über die eigenen Möglichkeiten, über den nächsten Schritt.

Was systemisches Coaching nicht leistet – und warum das wichtig ist

Es gibt Grenzen. Und die zu kennen ist genauso wichtig wie das Potenzial.

Coaching ist keine Therapie. Wenn jemand unter einer klinischen Depression leidet, unter Traumafolgen oder unter einer ernsthaften psychischen Erkrankung, dann ist Coaching das falsche Format. Nicht weil Coaches nichts können. Sondern weil es andere Begleitung braucht, die ich nicht leiste und nicht leisten will.

Coaching ist auch keine schnelle Lösung. Wer in einer akuten Krise steckt – ein Konflikt eskaliert gerade, eine Entscheidung muss heute fallen – der braucht manchmal zuerst operative Unterstützung. Coaching kann danach sinnvoll sein. In der Mitte des Sturms ist es selten der richtige Zeitpunkt.

Und Coaching funktioniert nicht ohne Bereitschaft. Nicht die Bereitschaft, sich zu verändern – das ist ein zu großes Versprechen für eine erste Sitzung. Aber die Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen. Auch auf die unbequemen Stellen.

Was das für Sie bedeutet, wenn Sie über Coaching nachdenken

Wenn Sie sich fragen, ob Coaching das Richtige für Sie oder Ihre Organisation ist, dann lohnt sich eine nüchterne Einschätzung.

Coaching ist sinnvoll, wenn Sie in einer Situation stecken, die Sie nicht alleine sortieren können – oder nicht alleine sortieren wollen. Ein Konflikt, der sich festgefahren hat. Eine Entscheidung, die drückt. Eine Rolle, die mehr fordert als erwartet. Oder einfach der Wunsch, die eigene Wirksamkeit bewusster zu gestalten.

Die meisten Menschen, die zu mir kommen, haben längst, was sie brauchen. Sie sehen es nur gerade nicht – weil sie zu nah dran sind, weil der Alltag keinen Raum lässt, weil bestimmte Muster so selbstverständlich geworden sind, dass sie unsichtbar wirken. Meine Aufgabe ist nicht, Ihnen etwas beizubringen. Es ist, Ihnen sichtbar zu machen, was bereits da ist.

Coaching ist nicht das Richtige, wenn jemand vor allem möchte, dass jemand anderes sich verändert. Oder wenn eine Situation operative Führungsentscheidungen braucht, die noch nicht getroffen wurden. Dafür bin ich die falsche Ansprechpartnerin.

Aber wenn Sie bereit sind hinzuschauen – auf die Situation, auf sich selbst, auf das, was Sie bisher vielleicht übersehen haben – dann ist das genau der Ausgangspunkt, von dem aus sich etwas bewegen lässt.

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie ich konkret arbeite, finden Sie das auf dieser Seite. Und wenn Sie wissen wollen, ob Coaching für Ihre aktuelle Situation sinnvoll wäre – das klären wir am besten in einem kurzen Erstgespräch.

Susanne Henkel

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